Ein Physiker in einer Unternehmensberatung? Dieser Gedanke wirkt auf den ersten Blick wenig plausibel. Unterstellt man doch gemeinhin dem Wissenschaftler der Naturwissenschaften wenig Neigung zum schnöden betrieblichen Optimierungsgebot, das den Regeln menschlicher Überzeugungen eher folgt, denn naturgegebenen Gesetzmäßigkeiten.

Was aber so ungleich zu sein scheint, passt in der Praxis besser zusammen, als viele glauben mögen. Physiker sind von Haus aus neugierige Menschen. Physik steckt in allem und hat jeden Menschen schon fasziniert. Wer möchte denn in Abrede stellen, nicht vom Anblick des Mondes oder der Sterne am Nachthimmel begeistert worden zu sein? Und wer spielt nicht gerne mit zwei Magneten und immer wieder überrascht, wie eine unsichtbare Kraft zwischen diesen für Anziehung und Abstoßung sorgt. Genauso ist es doch ein Phänomen, dass ein leichter Kronkorken genauso schnell zu Boden fällt wie ein (etwa gleichgroßes) schweres Metallstück. Während die meisten Menschen diese Phänomene zwar beobachten aber sie nicht weiter hinterfragen, haben Physiker die Lust daran zu ihrem Beruf gemacht.

Nicht nur Fachverstand, sondern auch Kreativität zählen

Die moderne Physik schafft analytische Experten, die zwischen den wissenschaftlichen Disziplinen hin- und herpendeln. Einerseits haben sie die formal exakte Sprache und Denkweise der Mathematik erlernt, die es ihnen ermöglicht, Problemstellungen exakt zu beschreiben und mit einem fundierten Konstrukt möglichst einer Lösung zuzuführen. Andererseits müssen sie aber auch experimentierfreudig sein, den Pfad des bereits gedachten verlassen und neue Wege suchen, ganz wie ein Erfinder, der alles bisher dagewesene kurz beiseite wischt.

Genau diese Mischung aus exaktem Wissenschaftler und improvisionsstarkem Kreativkopf macht den Physiker zu einem höchst interessanten Objekt für Unternehmensberatungen. Diese suchen nämlich gerade kreative Köpfe, die auch in der Lage sind, nach strengen Gesetzmäßigkeiten ähnlich wie in der Natur vorzufinden, zu agieren.

Die moderne Unternehmenswelt ist geprägt von unzähligen komplexen Abläufen, die sich längst einer exakten und eindeutigen Untersuchung und Beschreibung entziehen. Die Optimierung eines Unternehmens zu einem „Maximum“ (was ist das sein mag) ist daher gar nicht möglich. Denn wie will man schon die Unternehmensabläufe wirklich so optimieren, dass bei gegebenen Mengen an Rohstoffen und einer gewissen Arbeitszeit tatsächlich das Maximum an Produktion entsteht? Es scheitert an vielem, an Störungen im Betriebsablauf, an Fehlzeiten der Mitarbeiter, an Lücken im Lieferprozess und vielem mehr. Gesucht sind also suboptimale Lösungen – solche die zwar „gut“ für das Unternehmen sind, aber eben wohlwissend nicht das Maximum des Machbaren darstellen. Diese „Fast-Optima“ zu finden, stellt einen kreativ-analytisch geprägten Prozess dar, den auch Naturwissenschaftler aus ihrem Bemühen her kennen, den Dingen auf den Grund zu gehen.

Reines Disziplinenwissen reicht allein nicht

Physiker werden also gebraucht. Aber ebenso brauchen auch Physiker Wissen über die betrieblichen Abläufe, denn Unternehmensberatung findet gemeinhin im Team statt. Was versteht man unter Controlling und Kosten-Leistungsrechnung? Welche Grundregeln des betrieblichen Rechnungswesens, der Buchhaltung und des Jahresabschlusses gibt es? Nach welchen Gesichtspunkten arbeitet Strategisches Management, Human-Ressources und Marketing-Management? Warum ist Projektmanagement und Qualitätsmanagement nicht verfechtbar?
Zugegeben, für einen Naturwissenschaftler mögen diese doch meist banal anmutenden Themen nicht immer allzu spannend sein. Aber wenn sich die bzw. der Physiker damit vertraut gemacht hat, versteht er die Sprache der Betriebswirte – und das schafft nicht nur ein reibungsloseres Arbeiten sondern vor allem schafft es Vertrauen. Nichts ist wichtiger, um ein Unternehmen zu optimieren.